Die Bedeutung der Migration für den deutschen Arbeitsmarkt ist im aktuellen politischen Diskurs weitgehend unterrepräsentiert. Dabei zeigt die wirtschaftliche Realität eindeutig: Ohne eine massive Zuwanderung von Arbeitskräften wird Deutschland mittelfristig weder seine wirtschaftliche Stabilität noch seine soziale Sicherheit aufrechterhalten können. Experten gehen davon aus, dass pro Jahr mindestens 400.000 ausländische Arbeitskräfte netto benötigt werden, um die wachsende Lücke auf dem Arbeitsmarkt zu schließen.
Arbeitskräftemangel als existenzielle Herausforderung
Bereits heute sind 1,7 Millionen Stellen unbesetzt. Durch den Renteneintritt der Babyboomer-Generation wird sich dieser Mangel in den kommenden zehn Jahren dramatisch verschärfen. Für viele Unternehmen stellt der Fachkräftemangel eine der größten Herausforderungen dar, gleichauf mit der hohen Bürokratielast und einer schwachen Konjunktur. Die Vorstellung, dass vor allem hochqualifizierte Fachkräfte benötigt werden, greift zu kurz. Gerade in systemrelevanten Berufen wie der Pflege, dem Handwerk oder dem Transportwesen sind es oft Menschen mit Migrationsgeschichte, die entscheidend zur Aufrechterhaltung der Versorgung beitragen.
Integration der bereits vorhandenen Arbeitskräfte verbessern
Neben der gezielten Anwerbung neuer Fachkräfte aus dem Ausland besteht erhebliches ungenutztes Potenzial bei denjenigen, die bereits in Deutschland leben. Von den rund 3,3 Millionen Schutzsuchenden in Deutschland sind viele noch nicht in den Arbeitsmarkt integriert, obwohl sie über Qualifikationen verfügen. Insbesondere Frauen haben oft Schwierigkeiten, eine Anstellung zu finden. Hier sind schnellere und transparentere Visa- und Anerkennungsverfahren essenziell, um dem Arbeitsmarkt dringend benötigte Arbeitskräfte zuzuführen.
Wirtschaftswachstum ohne Migration undenkbar
Ohne Zuwanderung hätte es in den letzten Jahren kein anhaltendes Wirtschaftswachstum gegeben. Der heutige Rekordstand von 46,1 Millionen Beschäftigten ist maßgeblich auf die Migration der vergangenen Jahre zurückzuführen. Mehr als 80 Prozent des Beschäftigungsaufbaus der letzten fünf Jahre gehen auf ausländische Arbeitskräfte zurück. In einigen Bereichen liegt die Erwerbsquote von Migranten sogar über der von Einheimischen. Beispielsweise sind acht Jahre nach ihrer Ankunft rund 90 Prozent der syrischen Männer erwerbstätig.
Reformen für eine bessere Integration notwendig
Die neue Bundesregierung steht vor der Aufgabe, die Hindernisse für eine erfolgreiche Integration zu beseitigen. Dazu gehören unter anderem:
- Schnellere Anerkennung von Qualifikationen: Lange Wartezeiten und komplizierte Genehmigungsverfahren führen dazu, dass ausländische Fachkräfte oft nicht in ihrem erlernten Beruf arbeiten können.
- Bessere Sprach- und Ausbildungsangebote: Der parallele Erwerb von Sprachkenntnissen und die Integration in den Arbeitsmarkt muss erleichtert werden.
- Bürokratieabbau: Verwaltungsprozesse müssen effizienter gestaltet werden, um Unternehmen und Arbeitnehmer gleichermaßen zu entlasten.
- Verbesserung der Willkommenskultur: Deutschland gilt als vergleichsweise unattraktives Ziel für hochqualifizierte Fachkräfte. Weniger Bürokratie, bessere Wohnverhältnisse und eine offenere Gesellschaft könnten das ändern.
Pragmatischer statt ideologischer Ansatz gefragt
Die Angst, dass erleichterte Integrationsmaßnahmen einen “Pull-Faktor” für geringqualifizierte Zuwanderer darstellen könnten, wird von Studien nicht gestützt. Im Gegenteil: Hohe Hürden bei der Arbeitsaufnahme führen dazu, dass Deutschland als attraktives Ziel für hochqualifizierte Fachkräfte immer unattraktiver wird. Der wirtschaftliche Schaden einer nicht gelösten Arbeitskräftemangelkrise ist erheblich.
Die Bundesregierung muss daher klare Ziele setzen. Eine realistische Verpflichtung wäre es, bis 2029 mindestens 1,6 Millionen ausländische Arbeitskräfte erfolgreich in den deutschen Arbeitsmarkt zu integrieren. Dies würde nicht nur die wirtschaftliche Zukunft Deutschlands sichern, sondern auch ein Zeichen für eine pragmatische und zukunftsorientierte Migrationspolitik setzen.